Den Notgroschen aufgebraucht: Wie die Caritas Graubünden Hoffnung gibt
Wenn das Geld nicht mehr reicht und der Rechnungshaufen zum Albtraum wird: Die Geschäftsleiterin der Caritas Graubünden berichtet, was es heisst, ein Knochenrappler zu sein.
Wenn das Geld nicht mehr reicht und der Rechnungshaufen zum Albtraum wird: Die Geschäftsleiterin der Caritas Graubünden berichtet, was es heisst, ein Knochenrappler zu sein.
Von Lara Buchli
Unten im Caritas-Laden gleich neben dem Bahnhof Chur ist einiges los. Kleider werden auf den Stangen zur Seite geschoben, Hosen geflickt, Kunden und Kundinnen beraten und im angrenzenden Café kann man sich sogar verpflegen lassen. Und das alles zu einem sehr guten Preis. Ein Preis, den auch ärmere Leute bezahlen können. Hier oben im Büro der Geschäftsleitung ist es ruhig und man bekommt vom Treiben im Laden und der Welt da draussen gar nichts mit. Auch von der wachsenden Verzweiflung der Menschen, die diesen Ort aufsuchen, ist nichts zu spüren.
Armut bedeutet Stress
Wem diese Sorge jedoch direkt auffällt, ist Gabi Conradi. Sie ist die Geschäftsleiterin der Caritas Graubünden. Und sie weiss genau, was es heisst, wenn man weder den Fünfer noch das Weggli hat. «Armut bedeutet für mich persönlich, wenn man im Leben eingeschränkt ist», beginnt sie zu erzählen. «Einschränkungen können beim Einkaufen von Lebensmitteln bestehen, wenn man sich zum Beispiel nur noch Aktionen oder das billigste Produkt leisten kann. Armut bedeutet für mich puren Stress.» Und obwohl sie sich schon länger mit dem Thema Armut in der Region befasst, lässt es sie doch nicht kalt. Sie spricht offen darüber. Immer wieder während des Gesprächs verdüsteret sich ihr Gesichtsausdruck und an einigen Stellen zögert sie, bevor sie antwortet. Man spürt, dass ihr die Menschen sehr am Herzen liegen und der Job wichtig ist. «Manche Menschen können sich nicht so versichern, wie sie es gerne tun würden. Andere können sich keinen Zahnarzt mehr leisten und von nochmals anderen können die Kinder nicht richtig am Leben teilnehmen, da einfach das nötige Ersparte fehlt. Armut bedeutet, dass ich mir nichts Schönes mehr kaufen kann, wie zum Beispiel ein zweites Paar Jeans oder eine weitere Kette.» Arm zu sein, sei auch immer mit ganz viel Scham behaftet. Die Leute, die sich Hilfe holen müssen, brauchen meist eine ganze Weile, bis sie diesen Schritt überhaupt wagen, weil die Überwindung, dies zu tun, enorm gross sei. Armut kann bedeuten, dass das eigene Kind nicht auf den Skitag mitkann, weil die Eltern kein Geld für neue Ski, Winterkleidung oder das Billett haben.
Armut kann bedeuten, dass das eigene Kind auf Dinge verzichten muss, die für andere Kinder selbstverständlich sind.
«Für die Menschen, die Hilfe brauchen, ist der erste Schritt – das Eingeständnis – fast schon das Schwierigste. Sich einzugestehen, dass man es alleine nicht mehr schafft, ist keine leichte Sache», weiss Gabi Conradi. Und das brauche viel Mut. Dabei könne die Caritas Graubünden leider nicht helfen, fügt die Geschäftsleiterin hinzu und zuckt entschuldigend mit den Schultern. Die Leute müssen von sich aus zu ihr kommen. Sie könne sie ja niemanden zwingen, Hilfe anzunehmen. Auch wenn sie das manchmal gerne tun würde. «Die Betroffenen müssen es wollen», unterstreicht sie.
Wenn das Unsichtbare sichtbar gemacht wird
Wie erkennt man denn überhaupt, dass man sich langsam auf der Spirale der Armut nach unten bewegt? Meistens sei es wirklich so, dass man die Rechnungen nicht mehr bezahlen könne und der Stapel an Mahnungen immer grösser werde. «Man erreicht irgendwann die Belastungsgrenze und ist nervlich immer mehr am Ende, weil man mit der Situation überfordert ist», erklärt die Geschäftsleiterin. Sie holt kurz Luft, hält sie für einen Augenblick an und atmet sie dann geräuschvoll wieder aus. Häufig sei es dann auch so, dass man wirklich gar nichts mehr auf der Seite habe. In solchen Momenten spricht man von einem Knochenrappler – einem Menschen, dem die Armut bis auf die Knochen reicht. Und wenn dann etwas Unvorhergesehenes eintrete, müsse man diese Beträge mühsam abstottern. Dies wiederum hat nicht nur Einfluss auf das Portemonnaie und das eigene Wohlbefinden, sondern wirkt sich auch auf das Berufsleben aus. Gabi Conradi führt das so aus: «Jemand, der oder die kein Geld hat, kann sich auch keine Ausbildung leisten und sich nicht weiterbilden. Und ohne Weiterbildung wird es immer schwieriger, einen gut bezahlten Job zu finden.» Das alles ist sozusagen eine grosse Spirale der Katastrophe. Aus der es immer schwieriger wird, herauszukommen. Sollte es so weit kommen, dass man die Kontrolle über die Situation verliert und sich plötzlich auf einem Schuldenberg wiederfindet, kann es sein, dass plötzlich die Ernüchterung zuschlägt und sich Erkenntnis in einem breitmacht. «Ich brauche Hilfe!» Sobald dieser Gedanke das erste Mal auftaucht, ist auch fast schon das Schwierigste geschafft. Jetzt braucht man nur noch jemanden, der oder die sich auch bereit erklärt, zu helfen. Und genau hier kommt die Caritas Graubünden zum Einsatz. Mit viel Mut und noch mehr Angst würden die Menschen zu ihnen in den Laden finden – wenn es gut laufe – oder sie würden übers Telefon anrufen, offenbart Gabi Conradi.
Armut kann bedeuten, dass man mit der Psyche zu kämpfen beginnt, weil die Verzweiflung zu gross wird. Armut kann bedeuten, dass einem alles zu viel wird und man am liebsten aufgeben möchte.
Gemeinsam versuchen der oder die Betroffene und die Caritas Graubünden, einen Weg zu finden, aus dem Abgrund aufzusteigen. Sie beraten Familien in Notsituationen. Sie setzen sich aktiv für die berufliche (Wieder-)Eingliederung ein und helfen den Menschen, Verantwortung zu übernehmen und wieder in den Arbeitsalltag zu finden. Ausserdem handelt das Team in verschiedenen Bereichen und unterstützen in der sozialen Kontaktstelle mit ihrem Schreibdienst. Und dann wären da noch die Gespräche.
«Manchmal kommt jemand zu mir und ich spüre die Verzweiflung schon von Weitem. Und da weiss ich: Ich muss dieser Person helfen. Denn die Sorgen weiten sich aus. Beruflich, gesundheitlich und sozial ist die Person völlig am Ende und weiss nicht mehr weiter. Ich versuche dann, der Person das Licht am Ende des Tunnels zu zeigen», sagt Gabi Conradi. Das sei aber bei jeder Person anders, meint sie gleich darauf. Nicht jeder und jede stecke gleichermassen in der Patsche. Und trotzdem komme es bei besonders schwierigen Fällen leider oft vor, dass die Situation auch einen Einfluss auf die Psyche habe. Scham werde zu Verzweiflung. Und die Angst davor, alles zu verlieren, könne einem in eine tiefe Depression stürzen.
Armut kann bedeuten, dass man aufgrund des äusserlichen Erscheinens krumm angeschaut wird. Armut kann bedeuten, dass man von der Gesellschaft ausgegrenzt wird, weil man andere, meist nicht die neuste, Kleidung trägt und diese vielleicht sogar kaputt oder eine Nummer zu klein ist.
«Wenn das Geld an allen Enden nicht reicht, kann es schon einmal vorkommen, dass man kreativ werden und die Kleidung öfters flicken muss als andere», berichtet die Geschäftsleiterin und zupft gedankenverloren an ihrer Bluse. Auch der «Büwo»-Schreibenden wird kurz unwohl, als sie daran denkt, wie oft sie sich neue Kleidung kauft, weil ihre alten Klamotten ihr nicht mehr gefallen. Ein Verhalten, das in diesem Augenblick, inmitten des Gesprächs, irgendwie oberflächlich und unangebracht wirkt. Doch dieser Gedanke wird gleich darauf wieder zur Seite geschoben, denn Gabi Conradi spricht bereits weiter. «Kreativität ist ein wichtiges Stichwort», meint sie und hebt bedeutend den Finger. Sie habe in ihrer Position schon oft Situationen erlebt, in denen sie sich gedacht habe: Wow, darauf wäre ich jetzt also nie gekommen. Oder: Das ist ja wirklich eine kluge Idee, um Geld zu sparen. Dinge, über die man sich sonst nie Gedanken machen würde. Schlicht und einfach, weil man das Geld ja hat.
Hilfe brauchen oder geben
Egal, ob man selbst Hilfe benötigt oder Hilfe anbieten möchte – sich über Caritas Graubünden zu informieren, ist für beide Seiten etwas Gutes. Der Caritas-Markt richtet sich an Personen mit wenig Geld und bietet ihnen gute Alltagsprodukte zu niedrigen Preisen an. Im Angebot sind unter anderem gängige Lebensmittel, aber auch frisches Obst und Gemüse enthalten. Auch Hygieneartikel gehören zum Sortiment. Ausserdem dient der Caritas-Markt als Treffpunkt, an dem sich Menschen begegnen und austauschen können. Und für die Leute, die genug haben, können davon ein wenig abgeben, an Menschen, die es dringender brauchen. Zum Beispiel in Form einer Spende.
Mehr Informationen zur Spende und über Caritas Graubünden unter: www.caritas-regio.ch.
Unterstützen, aber nicht zu auffällig
Gabi Conradi hat es bereits erwähnt: Hilfe anzunehmen, ist nicht einfach und braucht eine gewisse Überwindung. Gerade weil man vielleicht schräg angesehen oder sogar ausgegrenzt wird, wenn man weniger auf der Seite hat. Deshalb sei es laut der Geschäftsführerin enorm wichtig, dass sich auch Personen mit genügend Einkommen an Orte begeben, die für ärmere Leute geschaffen wurden. «Zum Beispiel haben wir hier ein Café», sagt Gabi Conradi und deutet nach unten. «Und da wäre es schön, wenn auch andere Menschen vorbeikommen würden, damit sich die ärmeren nicht so blossgestellt vorkommen. Sonst haben sie vielleicht das Gefühl, dass sich jeder und jede gleich denkt: Ah, da sitzt jemand im Café. Die oder der muss arm sein.»
Armut kann bedeuten, dass man sich schämt, kein oder ein schlechtes Zuhause zu haben. Armut kann bedeuten, sich nicht zu trauen, jemanden mit nach Hause zu nehmen, weil man sich für die eigene Wohnung geniert.
Ihr Job sei nicht immer einfach, meint Gabi Conradi zum Schluss und wieder einmal huscht ein Schatten über ihr Gesicht. Man erlebe viele traurige Schicksale und höre sich verzweifelte Geschichten an. Doch zum Glück sei sie hier bei Caritas Graubünden ja nicht alleine damit. «Wir tauschen uns regelmässig im Team aus und sprechen über unsere Gedanken und Gefühle. Das hilft nach so einem Tag sehr.» Die Geschäftsführerin nickt bedächtig. «Aber das Wichtigste an meinem Job ist es ja, anderen dort zu helfen, wo sie alleine nicht mehr weiterkommen – das ist alles, was zählt», schliesst sie im Wissen, das Richtige zu tun.
Über «Die ‹Büwo› spricht darüber»
So, jetzt wurde genug totgeschwiegen – von jetzt an wird darüber geschrieben! Von den verschiedensten Tabuthemen wollen wir in dieser Serie berichten. Damit wollen wir Menschen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden.
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