×

Ein Taminser und seine Kamera: Wie Werner Poplutz die Welt der Schmetterlinge entdeckt

Was treibt einen 84-Jährigen täglich in die Natur? Werner Poplutz verfolgt mit seiner Kamera Insekten. Seine Mission: Die Vielfalt der Natur zu bewahren. Kann er die nachfolgenden Generationen inspirieren?

Bündner Woche
18.08.25 - 04:30 Uhr
Leben & Freizeit
Fotograf, Naturliebhaber und noch immer Wissbegieriger: der Pensionär Werner Poplutz bei seinem Hobby.
Fotograf, Naturliebhaber und noch immer Wissbegieriger: der Pensionär Werner Poplutz bei seinem Hobby.
Bild: Andri Dürst

von Cindy Ziegler

Ein Käfer hat es sich direkt auf einem Doldenblütler bequem gemacht. Inmitten weisser, kleinblättrigen Blüten sitzt ein roter Bockkäfer, wie wir von Werner Poplutz erfahren. Der Taminser ist Pensionär und leidenschaftlich in der Natur unterwegs. Oft, so auch heute, hat er seine Kamera dabei und die Wanderschuhe festgeschnürt. Denn auch mit Mitte 80 wandert er über schmale Pfade und manchmal macht er sich auch einen eigenen Weg. Er zeigt auf die weissen Blüten. «Die sind sehr beliebt bei den Viechern», sagt er im Bündner Dialekt, in den sich trotz vieler Jahre in der Region Imboden noch der eine oder andere deutsche Ausdruck einschleicht. Werner Poplutz bückt sich und schaut durch den Auslöser seiner Kamera. Ein Stativ oder ein spezielles Makroobjektiv besitzt er nicht. Den Käfer hat er auch so im richtigen Winkel aufgenommen. Er lächelt zufrieden, als er die Kamera absetzt.

Grosse Leidenschaft für kleine Tiere: Insbesondere die Schmetterlinge – ob Augenfalter, Bläulinge oder Weisslinge – haben es ihm angetan.
Grosse Leidenschaft für kleine Tiere: Insbesondere die Schmetterlinge – ob Augenfalter, Bläulinge oder Weisslinge – haben es ihm angetan.
Bild: Andri Dürst

Nicht verbissen

Die Magerwiese ob Domat/Ems, beim Kieswerk Plong Vaschnaus, präsentiert sich alles andere als mager – zumindest was die Blumenvielfalt angeht. Weisse, violette und gelbe Blüten. Saftig grünes Gras, dazwischen Schattierungen in Beige, Rot und Braun. Werner Poplutz kommt häufig hierhoch. «Gestern habe ich hier etwas fotografiert, das ich vorher noch nie gesehen habe. Eine besondere Fliegenart», erklärt er gerade begeistert. In einer E-Mail konkretisiert der Fotograf später: Es sei eine Blauschiller-Wanzenfliege gewesen. Nach der Fliege kommt ihm dann ein Schmetterling vor die Linse. Das eigentliche Objekt der Begierde. Der Ablauf gleicht dem Vorherigen. Hocke, Kamera, Auslöser, Lächeln. Seit rund 20 Jahren beschäftigt sich der Taminser mit Blumen, Schmetterlingen sowie anderen Insekten und Kleintieren. Er fotografiert sie, wie ein Jäger. Und ordnet die Fotografien, wie ein Sammler. Was er eher sei, wollen wir wissen. Jäger oder Sammler? Er überlegt kurz. «Meine Frau würde wohl sagen, ich bin ein Sammler. Ich denke, ich bin beides, aber keines davon verbissen», meint er dann mit einer ansteckenden Gelassenheit.


Werner Poplutz kommt erst relativ spät zur Fotografie im Allgemeinen und zur Schmetterlingsfotografie im Speziellen. Seine Kinder wollten ihm zur Pension ein Handy schenken, er wünschte sich stattdessen eine Digitalkamera. An eine besondere Begegnung mit einem Sommervogel erinnert er sich gut. Er sei mit seiner Frau spazieren gewesen, als sie plötzlich stehen blieb. «Achtung, ein Schmetterling», habe sie gerufen und auf den Boden gezeigt. «Tatsächlich sass da ein Schwalbenschwanz, mitten im Weg. Er pumpte seine Flügeln auf. Er war gerade erst geschlüpft», erzählt der 84-Jährige. «Wenn ich mir vorstelle, ich wäre damals auf ihn drauf getreten. Ich glaube, das würde mir heute noch weh tun.»

Bild: Andri Dürst
Bild: Andri Dürst
Ob Heugümper, Biene oder Schmetterling: Als Motiv kommt alles in Frage.
Ob Heugümper, Biene oder Schmetterling: Als Motiv kommt alles in Frage.
Bild: Andri Dürst

Bedrohte Flora und Fauna

Seit diesem Erlebnis haben es ihm die Schmetterlinge angetan. Es ist eine Leidenschaft, die manchmal bittersüss ist. Denn in den letzten 20 Jahren habe er beobachten können, wie es immer weniger von ihnen gab. Tatsächlich zeigen auch Statistiken, dass die Schmetterlinge genau wie die Insektenwelt im Allgemeinen bedroht sind und die Vielfalt zurückgeht. Von den rund 230 einheimischen Tagfalterarten gelten laut einer Studie des Bundesamts für Umwelt 35 Prozent als bedroht. «Ich hatte ein Naturreservat, gleich bei mir um die Ecke. Da war ich jahrelang jeden Tag da. Heute kann ich mir das häufig sparen. Da ist nichts mehr los», meint Werner Poplutz. Er zeigt um sich. Gerade fährt ein Laster über das Areal des Kieswegs. Der Schmetterling verlässt die Blume.


Als der Staub sich gesetzt hat, schauen wir auf eine gemähte Wiese. Während hier, zwischen den Blüten, Insekten in den wolkenverhangenen Himmel aufsteigen, ist es im abgeschnittenen Gras ruhig. «Heute wird in meinen Augen ausserhalb der Landwirtschaft, vor allem an Wander- und Spazierwegen, zu viel gemäht. Ich finde es himmeltraurig, wenn man Brennnesseln und Disteln vom Wegrand wegnimmt. Das sind so wichtige Pflanzen», sagt er und schüttelt den Kopf. Wir spazieren weiter. Im Wald entdecken wir wieder Schmetterlinge. Die weissen Exemplare fliegen zu schnell, als dass Werner Poplutz sie vor die Linse bekommt. Daneben setzt sich ein blauer Schmetterling auf eine gelbe Blüte, fast so, als wollte er posieren. Der Fotograf lacht. «Kein Schmetterling ist wie der andere. Es braucht Geduld, um sie zu fotografieren», kommentiert er mit leiser Stimme. Dann folgt sein Blick einem braunen Sommervogel. Und Vogel ist tatsächlich passend. «Das ist ein kleines Wiesenvögelchen», sagt Werner Poplutz und zeigt auf den Schmetterling.


Sein Wissen hat Werner Poplutz nicht etwa aus einem Biologiestudium, sondern aus Büchern und dem Internet. Fotografiert er etwas auf seinen Spaziergängen, dann verbringt er Stunden damit, das Motiv zu Hause zu identifizieren. «Es braucht mindestens zwei Quellen, besser drei», meint er.

Gemähte Wiese: Für den Geschmack von Werner Poplutz wird heute neben Spazier- und Wanderwegen  zu viel abgemäht.
Gemähte Wiese: Für den Geschmack von Werner Poplutz wird heute neben Spazier- und Wanderwegen  zu viel abgemäht.
Bild: Andri Dürst

Herz, was willst du mehr?

Wahrscheinlich spricht da der Schreibende aus ihm. Werner Poplutz schrieb mehrere Bücher. Neben zwei Werken mit Fotografien auch eine Liebeserklärung an die Ringelspitzhütte und ein Gesangsbuch. Aber Autor war Werner Poplutz nicht schon immer. Er wurde in Niederschlesien geboren, gerade einmal vierjährig musste er mit seiner Familie im Zweiten Weltkrieg fliehen. Aufgewachsen ist er dann im deutschen Emsland. Schule, Gymnasium und eine Lehre als Chemielaborant. Dann das Studium am Technikum im allgäuischen Insy. Der junge Werner Poplutz lernt nicht nur den Schulstoff, sondern auch die Berge kennen. Danach wird er bei den Emser Werken vorstellig. In seinem Buch «Joggi besucht» schreibt er: «Als ich die Personalabteilung verliess, schaute ich mich erst einmal richtig um. Ich sah den Calanda, gegenüber den Dreibündenstein, im Osten den Montalin. [...] Hier, das war es. Berge noch und noch. Herz, was willst du mehr?» Die Liebe zu den Bergen ist noch immer gross. Vor allem die Ringelspitzhütte ist über die Jahre sein Ziel. «Die Natur ist uns näher, und die Sterne leuchten nachts heller und klarer als im Tal», schreibt er im selben Buch.

Viel zu erzählen: Über Werner Poplutz könnte man locker ein ganzes Buch schreiben, so viel Interessantes hat er zu berichten.
Viel zu erzählen: Über Werner Poplutz könnte man locker ein ganzes Buch schreiben, so viel Interessantes hat er zu berichten.
Bild: Andri Dürst

Grösstes Übel: die Ungeduld

Heute sei es weniger das Bergerlebnis und mehr die Natur, die ihn nach draussen ziehen. Einen Tag ohne frische Luft könne er sich einfach nicht vorstellen. Mit schnellen Schritten läuft Werner Poplutz nun einen Stutz hoch. Immer wieder bleibt er kurz stehen. Murmelt etwas vor sich hin. «Spannend. Interessant. Oha, ein grosser Perlmutfalter.» Bei einer Hummel mit weissem Hintern fasst er sich an die Stirn. Der Name der Art ist ihm entfallen. Er winkt ab. «Eigentlich ist es ja egal, wie die Tiere heissen. Es soll sie einfach geben und sie sollen ihren Lebensraum haben», sagt er und beobachtet das behaarte Tierchen noch ein paar Sekunden. Er sei nicht verärgert, wenn er auch mal ohne ein brauchbares Foto vom Spaziergang heimkehre. Und trotzdem. «Mein grösstes Übel ist meine Ungeduld», sagt er und grinst. Es überrascht, braucht es doch gerade für die Schmetterlingsfotografie sehr viel Geduld. «Mit dem Fotografieren ist es deutlich besser geworden», ergänzt er.


Zurück in Tamins setzt sich Werner Poplutz an den hölzernen Küchentisch und hievt eine schwere Kartonschachtel hoch. Darin liegen gesammelte Werke. Er hat vor Kurzem damit begonnen, alle Fotos zu ordnen, anzuschreiben und sie in ein Buch zu packen. «Ich mache diese Dokumentationen auch, um die Natur zu schützen. Es ist mir wichtig, der Nachwelt zu zeigen, wie es einmal war. Und ich versuche damit, den Zustand zu bewahren, von dem wir uns immer mehr entfernen», sagt er und blickt in den kleinen Garten. Auf den wenigen Quadratmetern habe er schon über 500 verschiedene Arten fotografiert. Flora und Fauna. Vor dem Haus, zwischen den Pflastersteinen des Parkplatzes, ist ein Wasserdost hochgewachsen. Er reicht schon fast bis zum Küchenfenster. Eine Biene setzt sich gerade auf die violette Blüte.

«Entdecken, Bewundern, Bewahren» von Werner Poplutz ist 2016 im Somedia Buchverlag erschienen. In diesem Buch zeigt der Autor Blumen und Schmetterlinge in der Region Imboden rund um den Rheinzusammenfluss.

Inhalt von buew logo
Kommentieren
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Mehr zu Leben & Freizeit MEHR