Direkt in die Stube geliefert: Mahlzeiten und Seelentrost im Prättigau
«Das ist ‹u huara guat›», schwärmt ein betagter Herr in Furna über sein Mittagessen. Die Spitex Prättigau bringt täglich warme Mahlzeiten zu älteren Menschen im ganzen Tal. Eine Reportage.
«Das ist ‹u huara guat›», schwärmt ein betagter Herr in Furna über sein Mittagessen. Die Spitex Prättigau bringt täglich warme Mahlzeiten zu älteren Menschen im ganzen Tal. Eine Reportage.
Von Susanne Turra
Vorsichtig legt Maja Tarnutzer die graue Styroporbox mit der Mahlzeit vor der Haustüre auf den Boden. Die leere Box daneben hebt sie auf und nimmt sie mit. Auf der Box klebt ein weisser Zettel. «Vielen Dank», steht darauf geschrieben. Maja Tarnutzer lächelt. «Das macht sie immer», sagt sie. «Die Klientin ist sehr dankbar.» Und für heute die letzte, die von Maja Tarnutzer mit dem Mittagessen bedient wird. Die Fahrerin manövriert ihr Auto rückwärts auf die Hauptstrasse. Es ist Mittwochmittag in Klosters. Und es schneit.
Durch den Schnee
Zwei Stunden früher in Jenaz. In der Küche beim Altersheim herrscht reger Betrieb. Bouillon mit Ei, Salat, Wildgeschnetzeltes an Calvadossauce, Schupfnudeln, Broccoli und Vanillemousse mit Rhabarber stehen heute auf dem Menüplan. Daneben gibt es ein vegetarisches Menü und drei Tageshits zur Auswahl. Maja Tarnutzer kommt um die Ecke. Sie schaut auf die Uhr. Es ist 10.15 Uhr. Die Fahrerin aus Küblis packt eine dunkelgraue Mahlzeitenbox in ihren Wagen. Damit geht es jetzt nach Furna hinauf. Jenem Zweihundert-Seelen-Dorf auf 1351 Metern über Meer. Geschickt kurvt Maja Tarnutzer mit ihrem Fahrzeug die schmale Strasse hoch. «Reduzierter Winterdienst», warnt die Verkehrstafel. In der Tat. In Furna ist der Winter eingekehrt. «Gut, dass ich einen kleinen Suzuki Jeep mit Allrad und Untersetzung habe», bemerkt die Fahrerin. Oben angekommen, steigt sie aus dem Wagen. Mit der Mahlzeitenbox in den Händen stapft sie durch den knöcheltiefen Schnee. Sie klingelt an der Türe. Im Haus wird sie schon freudig erwartet. «Ciao Maja», grüsst der betagte Herr und lacht. Auf seinem Schoss sitzt ein kleiner Hund. Der Senior wechselt gerne ein paar Worte. «Was gibt es zum Zmittag?», fragt er fröhlich. Und an die Journalistin gewandt: «Der Zmittag ist immer ‹u huara guat›». Das ist schön zu hören. Wir wünschen «a Guata». Und dann geht es auch schon wieder zurück nach Jenaz.
Von Grüsch bis Klosters
«Den Mahlzeitendienst gibt es seit 2002», erklärt Yvonne Pethö später in ihrem Büro in Schiers. Seit zehn Jahren organisiert sie den Mahlzeitendienst der Spitex Prättigau. Und seit sieben Jahren leitet sie den Dienst. «Wir haben mit zehn Mahlzeiten pro Tag angefangen», erinnert sie sich. «Heute liefern wir täglich 60 bis 65 Mahlzeiten aus.» Für diesen Dienst sind zehn Fahrerinnen und Fahrer mit Arbeitsvertrag bei der Flury-Stiftung angestellt. Die meisten davon sind bereits pensioniert. Gefahren wird an sieben Tagen die Woche. Jeden Tag sind vier Fahrerinnen und Fahrer auf vier Touren unterwegs. Alle Touren beginnen beim Altersheim Jenaz. Dort werden die Mahlzeiten täglich frisch gekocht und verladen. Tour 1 beliefert Lunden, Schiers, Fajauna, Pusserein, Fanas, Grüsch, Seewis und Überlandquart. Tour 2 beliefert Jenaz, Küblis (linke Strassenseite), Luzein, Pany, Putz und St. Antönien. Tour 3 beliefert Fideris, Küblis (rechte Strassenseite), Conters, Saas und Serneus. Und Tour 4 beliefert Furna und Klosters. Um 10.30 Uhr werden die Mahlzeiten für das Vorderprättigau abgeholt. Und um 11 Uhr für das Hinterprättigau. Bis 13 Uhr sollten alle Klientinnen und Klienten bedient sein. «Die grösste Herausforderung im Prättigau ist der Winter», gibt Yvonne Pethö zu bedenken. «Manchmal müssen dann die Fahrerinnen und Fahrer in abgeschiedenen Wohngebieten den letzten Rest bis zu den Häusern zu Fuss gehen.»
Zehnmal Wild und einmal Kalb
Zurück nach Jenaz. «Man lernt das Tal kennen», sagt Maja Tarnutzer. Und das ist gut so. Denn: «Mit dem Routenplaner kommt man im Prättigau nicht weit», sagt sie und lacht. Dann steigt sie ins Auto. Mit elf Mahlzeitenboxen im Kofferraum geht es nach Klosters. Die Fahrt dauert rund 20 Minuten. Zeit, ein bisschen zu plaudern. «Man muss gerne Autofahren», betont die Fahrerin. «Sonst wird es schwierig.» Immerhin kommen jeden Monat gut und gerne 700 Kilometer zusammen. Maja Tarnutzer fährt bei Küblis raus, weil der Küblisertunnel gesperrt ist. Macht nichts. Den Saasertunnel kann sie wieder befahren. Sie ist gut in der Zeit und erreicht Klosters. Elf hungrige Seniorinnen und Senioren erwarten hier ihr Mittagessen. Der Blick auf die Liste zeigt zehnmal Wildgeschnetzeltes und einmal Kalbsgeschnetzeltes. Maja Tarnutzer klingelt, klopft und manchmal ist die Türe auch schon einen Spalt offen. Es geht in alte Häuser und neue Wohnungen. Durch die Garage rein und die Treppen rauf. Einige wollen ein bisschen plaudern, andere nehmen still die Mahlzeit entgegen. «Da sind die Leute ganz verschieden», so Maja Tarnutzer. «Manchen stelle ich die Box vor die Haustüre und gewisse möchten, dass ich ihnen das Essen direkt auf dem Küchentisch serviere.»
Keine Botengänge
Zurück nach Schiers. «Man merkt bei der alten Generation, dass sie es gewohnt ist, für sich selbst zu schauen», erzählt Yvonne Pethö. «Die Älteren müssen lernen, die Mahlzeiten anzunehmen.» Manchmal werden die Eltern von ihren Kindern angemeldet. Und später melden sich die Betagten wieder ab. Aber plötzlich funktioniert es. Die Seniorinnen und Senioren fühlen sich entlastet. Sie beginnen es zu geniessen. Und sie sind sehr dankbar. Für manche ist es ein Einstieg in weitere Spitex-Dienste. Den Wochenkehr, beispielsweise. Ganz wichtig dabei: «Wir dürfen nur das Mittagessen bringen und keine weiteren Dienste anbieten», betont Yvonne Pethö. Es gibt keine Botengänge. Solche Dinge können bei der Spitex gebucht werden. Und auch mitfahren geht beim Mahlzeitendienst nicht. Da wird der SRK Fahrdienst vermittelt. Auch grössere Geschenke dürfen von den Fahrerinnen und Fahrern nicht angenommen werden. Gegen eine kleine Wertschätzung indessen ist nichts einzuwenden. Übrigens werden die Fahrerinnen und Fahrer auch für schwierige Situationen instruiert. Was, wenn jemand stürzt? Oder nicht isst? Hier gilt es, die richtigen Massnahmen zu ergreifen. In erster Linie wird der Spitex Stützpunkt informiert. Und allenfalls die Angehörigen, sofern sie als Kontaktperson angegeben sind und das Einverständnis vorliegt. «Viermal im Jahr haben wir eine Teamsitzung», so Yvonne Pethö. «Da können wir Erfahrungen austauschen und allenfalls auch den Tourenplan anpassen.»
Ein bisschen Seelentrost
Zurück nach Klosters. Es ist 12.15 Uhr. Die letzte Klientin ist bedient. Und es geht zurück nach Jenaz. Wieder bleiben 20 Minuten Zeit, ein bisschen zu plaudern. Maja Tarnutzer fährt seit über fünf Jahren für den Mahlzeitendienst. «Ich mache diesen Job sehr gerne», schwärmt sie. «Es ist eine Herzensangelegenheit.» Und so fährt sie mehrere Tage in der Woche mit den Mittagessen im Kofferraum durch das Prättigau. Über die Festtage ein bisschen weniger häufig. Da wird der Dienst oftmals abgesagt. Die Klientinnen und Klienten feiern dann bei ihren Liebsten zu Hause. «Gewisse Seniorinnen und Senioren sind an Weihnachten aber allein und benötigen die gelieferte Mahlzeit wie üblich», sagt Maja Tarnutzer und wird nachdenklich. «Das ist gar nicht schön. Aber wir haben dann mehr Zeit für sie und spenden gerne ein bisschen Seelentrost.»
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