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Schweizer Regionalkrimis: Die Spur führt nach Deutschland

«Engelberg» von Silvia Götschi ist aktuell das meistverkaufte Taschenbuch in der Schweiz. Das Geschäft mit dem helvetischen Regionalkrimi ist lukrativ - und fest in der Hand zweier deutscher Verlage. Weshalb eigentlich?

Agentur
sda
Freitag, 06. Dezember 2019, 11:27 Uhr Bern
"Engelberg" von Silvia Götschi ist aktuell das meistverkaufte Taschenbuch in der Schweiz. Der Krimi spielt in der rauhen Obwaldner Landschaft.
"Engelberg" von Silvia Götschi ist aktuell das meistverkaufte Taschenbuch in der Schweiz. Der Krimi spielt in der rauhen Obwaldner Landschaft.
Keystone/GAETAN BALLY

Wo es in den idyllischen Landschaften der Innerschweiz nicht schon überall Mord und Totschlag gab. Auf dem Bürgenstock, im Muotathal oder in Engelberg zum Beispiel. Für ihre Detektivfiguren hat die Krimiautorin Silvia Götschi in ihrem Zuhause die Lizenz zum Schnüffeln. Seit 2013 bringt der Kölner Emons-Verlag ihre Regionalkrimis heraus. Sie spielen in Kantonen wie Schwyz, Uri, Obwalden oder Luzern. Pro Jahr veröffentlicht die Schnellschreiberin ein bis zwei Bücher.

Ihr neuster Band «Engelberg» führt gerade die Schweizer Bestsellerliste der Taschenbücher an. Seit drei, vier Büchern sei bei ihr ein so fulminanter Verkaufsstart die Regel, sagt Götschi: «Meine Leser warten jeweils sehnsüchtig.» 10'000 Exemplare beträgt die Startauflage von «Engelberg». Auf Platz vier liegt Peter Beutlers neuster Krimi «Der Bunker von Gstaad», ebenfalls von Emons.

Die Regionalkrimis, die vor der eigenen Haustür spielen, sind regelmässig nationale Bestseller. «Das ist aussergewöhnlich für Schweizer Autoren, wenn sie nicht gerade so bekannt sind wie Martin Suter», sagt die Berner Literaturagentin Katharina Altas.

Heimat als Geschäftsmodell

«Es läuft gut», berichtet auch Raphael Zehnder, SRF-Radiojournalist und ebenfalls Krimiautor bei Emons. Die Startauflage seiner Basler und Zürcher «Müller»-Krimis von rund 3000 Exemplaren gehe stets gut weg. Seine Bücher würden gern aus «Heimweh»-Gründen verschenkt. «Regionalkrimi ist ein gutes Etikett.» Es lebt wesentlich vom Wiedererkennungseffekt. Claudia Senghaas, Programmleiterin beim Gmeiner-Verlag aus Baden-Württemberg, sagt: «Das Regionale gibt in der schnelllebigen und globalisierten Zeit ein Stück Geborgenheit.»

Gmeiner ist der andere deutsche Verlag, der neben Emons den deutschsprachigen Regionalkrimi-Markt anführt. Das Genre ist ihr Geschäftsmodell. Gmeiner generiert damit 80 Prozent des Umsatzes, der laut dem Verlag im «mittleren einstelligen Millionenbereich» liegt. Bei Emons brachten alle Regionalkrimis zusammen 2018 4,2 Millionen Euro ein, was der Hälfte des gesamten Umsatzes entspricht.

Emons und Gmeiner setzen auf Taschenbücher, die auch günstig am Kiosk zu haben sind. «Das ist nicht zu unterschätzen», sagt Raphael Zehnder. So gebe man für einen unbekannten Autor eher mal ein paar Franken aus.

«Schweizer sind krimiaffin»

Die Deutschschweiz ist für die deutschen Verlage ein zwar kleiner, aber bedeutender Markt. Bei Gmeiner stammen durchschnittlich 8 bis 10 der jährlich erscheinenden Regionalkrimis von Schweizer Autoren. Diese machen rund 6,5 Prozent der gesamten Regionalkrimi-Einnahmen aus. «Wir sehen in der Schweiz noch Wachstumspotential», sagt Jochen Grosse, Leiter Vertrieb und Marketing.

Bei Emons ist der Schweiz-Anteil doppelt so gross. «Schweizerinnen und Schweizer sind sehr krimiaffin», so Pressesprecher Dominic Hettgen. Man habe in Deutschland wie in der Schweiz früh auf das Konzept Regionalkrimi gesetzt. In der Firmengeschichte von Emons ist zu lesen, der Verlag habe mit «Tödlicher Klüngel» 1984 in Köln den «ersten deutschen Regionalkrimi» herausgebracht.

Emons und Gmeiner haben erst Deutschland, dann das deutschsprachige Ausland mit Büchern über lokale Spürnasen in ganz Europa besiedelt. Laut Hettgen seien sehr viele auf den Zug aufgesprungen, vom Grosskonzern bis zum Kleinverlag.

Im Territorium bleiben

Doch nicht jeder Krimi, der vor der Haustür spielt, ist ein Selbstläufer. Neben einer guten Geschichte braucht es heute vor allem «ein sehr gutes Marketing-Konzept, um überhaupt noch mitzuspielen», so Hettgen.

Die meisten Schweizer Verlage haben ihre Regionalkrimi-Reihen angesichts der Übermacht von Emons und Gmeiner wieder aufgegeben. Zum Beispiel der Salis-Verlag, wo die Berner Autorin Nicole Bachmann mit ihren «Lou Beck»-Krimis war. Sie liess sich von Agentin Katharina Altas weitervermitteln - zu Emons. So bleiben in der Schweiz bloss noch ein paar Einzelkämpfer übrig, die weniger auf Quantität setzen als die deutsche Konkurrenz. Der Zürcher Kampa Verlag etwa hat die Engadiner Krimis des bekannten Schriftstellers Tim Krohn im Programm.

Das Markenzeichen von Silvia Götschis Krimi-Umschlägen sind nüchterne Ortsnamen und atmosphärische Landschaftsbilder. Sie hat schon wieder ein neues Buch in Reserve. Aber dieses spielt in England, weshalb Emons es nicht nimmt: ausserhalb von Götschis Territorium Schweiz. Nun bietet sie es anderen Verlagen an. Ihr eigener Kleinverlag Literaturwerkstatt, in dem sie einst ihren allerersten Krimi veröffentlichte, kann sich die Werbung nicht leisten.*Dieser Text von Céline Graf, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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