Eine wegweisende Chefin
Nikola Nording schreibt über Chefinnen in der Redaktion.
Nikola Nording schreibt über Chefinnen in der Redaktion.
Ich habe am Wochenende eine traurige Nachricht erhalten. Eine ehemalige Chefin von mir ist unerwartet verstorben. Sie war in meinem ersten Zeitungsverlag für die Ausbildung der Volontäre, also der Redaktorinnen und Redaktoren in Ausbildung, zuständig. Sie hatte mich eingestellt, mir immer wieder besondere Aufgaben übertragen und mich als Chefin vom Dienst gefördert. Hätte sie nicht ein paar Weichen gestellt, wäre mein berufliches Leben anders verlaufen. Dafür bin ich dankbar. Ich bin aber nicht nur dankbar für ihren direkten Einfluss auf mein Leben, sondern auch für den indirekten. Schon mit Anfang 20 hatte ich eine Chefin. Eine Frau, die in der Chefredaktion massgebliche Entscheidungen traf, neue technische Innovationen implementierte, sich gegen störrische Redakteure (es waren vor allem Männer) durchsetzte und trotzdem eine Familie und Kinder unter einen Hut brachte. Für mich war eine Frau in der Chefredaktion selbstverständlich. Mit den Jahren merkte ich aber, was für ein Paradiesvogel sie war. Bis heute sind Frauen in Führungspositionen in der Redaktion in der Minderheit.
Das Forschungsteam «Journalistik» von Vinzenz Wyss am Institut für angewandte Medienwissenschaft der ZHAW in Zürich hat 2023 Journalistinnen und Journalisten in der Schweiz befragt. Die Umfrage zeigte, es arbeiten zwar immer mehr Frauen im Journalismus, aber immer noch weniger als Männer. Führungspositionen haben von ihnen die wenigsten. Die Zahl der Frauen im Journalismus steigt seit Jahren. Das ist nicht nur im Sinne der Diversität gut. Im Alter zwischen 30 und 40 gibt es mittlerweile viele Frauen, zwar immer noch mehr Männer, aber 50:50 ist fast erreicht. Das hat ganz sicher etwas mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu tun. Redaktionen haben mittlerweile verstanden, dass das Motto «Jederzeit, überall» nicht familienfreundlich ist. Dank flexibler Arbeitszeiten, verbesserter Betreuung von Kindern und der sich durchsetzenden Erkenntnis, dass Väter auch für ihre Kinder verantwortlich sind, haben sich die Arbeitsbedingungen für Frauen auch in Redaktionen verbessert. Es ist also nicht so, dass Frauen nicht wollen – die Bedingungen müssen nur stimmen.
An den Führungsspitzen wird der Frauenanteil aber definitiv dünner, das bestätigt die ZHAW-Befragung. Bei den meisten Anlässen von Führungskräften in Redaktionen sind es vor allem Männer, die sich dort treffen. Es sind Frauen anwesend, aber es sind wenige. Diese Frauen scheinen aber mittlerweile etwas erkannt zu haben: Ich habe die Beobachtung gemacht, dass ich bei Anlässen mit klarem Männerüberschuss von mindestens einer anderen Frau angesprochen werde oder eine andere Frau anspreche und mit ihr ins Gespräch komme. Es dauert oft nicht lange, und dann kommt eine Dritte dazu und wir tauschen uns aus. Die Herausforderungen und Interessen sind häufig die gleichen und die Erfahrungen und Lösungswege der anderen sind spannend. Es täuscht aber nicht darüber hinweg, dass Frauen in diesen Positionen noch zu wenig sind. Ein Weg, der den meisten Frauen höchst unangenehm ist: Sie müssen sichtbar und hörbar werden. Denn neben guten Bedingungen für Frauen braucht es auch andere Vorbilder, die zeigen, dass es in der Realität umsetzbar ist.
Nikola Nording ist Chefredaktorin Digital/Zeitung bei der Südostschweiz. Seit 2019 leitet die 36-Jährige Redaktionen und tauscht sich darüber regelmässig mit anderen Frauen in solchen Positionen aus.
Wir bitten um euer Verständnis, dass der Zugang zu den Kommentaren unseren Abonnenten vorbehalten ist. Registriere dich und erhalte Zugriff auf mehr Artikel oder erhalte unlimitierter Zugang zu allen Inhalten, indem du dich für eines unserer digitalen Abos entscheidest.
Bereits Abonnent? Dann schnell einloggen.