Im Prozess zum «Fall München» sind in den letzten zwei Tagen auch die Opfer der Prügelschüler von der Goldküste zu Wort gekommen. Gestern schilderte Geschäftsmann Wolfgang O., der von Mike B., Benji D. und Ivan Z. fast zu Tode geprügelt wurde, wie er noch heute unter der Tat leidet. Bei allen Geschädigten war - neben den massiven körperlichen Verletzungen - immer wieder von schwerwiegenden seelischen Folgen die Rede. Angstzustände und Panikattacken machen den Opfern das Leben zur Hölle. Denise Kissling therapiert als Psychiaterin immer wieder Opfer von Gewalttaten. Als Gerichtsgutachterin hat sie jedoch auch Einblick in die seelischen Abgründe von Gewaltverbrechern.
«Mit einem lokalisierbaren Schmerz kann der Mensch umgehen», sagt Denise Kissling. Wer jedoch eine existenzielle Bedrohung wie einen Überfall erlebe, fühle sich völlig ausgeliefert und ohnmächtig. Diese Ohnmacht umfasse alle Lebensbereiche. Das heisst, die Geschädigten empfinden überall und immer wieder ein Gefühl der Bedrohung. «Diese Menschen», sagt die Hombrechtikerin, «verlieren die Fähigkeit, Freude zu empfinden.» Sehr belastend seien auch die stets wiederkehrenden sogenannten Flashbacks: Begegneten ihnen zum Beispiel eine Gruppe junger Männer oder hörten sie Schweizerdialekt, komme Panik auf und die lähmende Gewissheit: Es passiert wieder - und es gibt nichts, was ich dagegen tun kann. Starke Stimmungsschwankungen
Ein Trauma bedeutet eine enorme Einschränkung im gesamten Lebensbereich. Beziehungen, Jobs und Freundschaften werden auf eine harte Probe gestellt - und gehen oft in die Brüche. «Das soziale Umfeld eines traumatisierten Menschen muss extrem verständnisvoll sein», erklärt die Psychiaterin, «und in der Lage sein, die starken Stimmungsschwankungen aufzufangen.» Eine traumaorientierte Therapie hilft, den Weg zurück ins Leben zu finden. «Aber dieser Weg ist lang», betont Kissling. Eine erfolgreiche Therapie nimmt Jahre in Anspruch. Dabei spielten auch die persönliche Konsitution und das Alter der Opfer eine Rolle. «Junge Menschen sind eher in der Lage, ihre Identität wiederzufinden und zu festigen», sagt sie. Noch wichtiger als die Therapie selber sei eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Therapeut, denn ganz egal, wie verständnisvoll Familie und Freunde sich verhalten, sie haben nicht die nötige Distanz zum Opfer - sie sind immer auch selber betroffen. Kein Sinn für Nebensächliches
Keine Therapie kann ein dermassen gravierendes Erlebnis vergessen machen. «Aber die Opfer können lernen, damit umzugehen», sagt Denise Kissling. Immer wieder fänden die Betroffenen sogar positive Effekte im Geschehenen: «Es findet eine Reifung in der Persönlichkeit statt.» Diese Menschen seien zu Oberflächlichkeiten nicht mehr fähig und setzten die Prioritäten ganz anders. «Sie fragen sich», sagt die Fachfrau, «wie sich jemand über Nebensächlichkeiten aufregen kann - und wie sie das früher selber konnten.»
Auch wenn Trauma-Opfer ihr «normales» Leben im Laufe der Zeit - von aussen gesehen - wieder aufnehmen können: Das Geschehen hinterlässt Spuren. «Die seelischen Narben bleiben», erklärt Kissling. Die menschliche Psyche sei derart komplex, dass man Verletzungen nicht präzise herausschneiden könne, so wie der Chirurg ein Geschwür. Erschütternder als die Tat
Für die Psychiaterin erwecken die drei 17-jährigen Schläger von München den Eindruck völliger Unberührtheit: «Das ist noch erschütternder als die brutale Tat an sich.» Für sie wäre das einzig akzeptable Verhalten eine tiefe Reue. «Aber nicht nur in Worten», präzisiert sie, «sie müssten auf die Opfer zugehen.» Eine ehrlich empfundene Reue ist für Kissling die mindeste Voraussetzung, damit die jungen Männer irgendwann einmal wieder in die Gesellschaft integriert werden können. «Solange sie zu solchen Gefühlen nicht fähig sind», sagt sie, «ist eine Wiederholungstat jederzeit möglich.» |