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INTERVIEW
 
Donnerstag, 28. Januar 2010
«Kleinklassen sind nicht verboten»
Schule Bildungsdirektorin Regine Aeppli zu integrativem Modell und überforderten Eltern
Regine Aeppli zur Schulreform: «Den einen gehts zu langsam, andern zu schnell.» (key)
Die Volksschulreform im Kanton Zürich stösst auf lautstarke Kritik. Regierungspräsidentin Regine Aeppli weist diese zurück, stellt aber auch fest, dass in Erziehungsfragen die Verunsicherung zunimmt.
Interview Oliver Steimann
 

Regine Aeppli, kürzlich haben Sie erklärt, Kindererziehung überfordere immer mehr Eltern im Kanton Zürich. Worauf stützt sich diese Einschätzung?

In den zahlreichen Beratungsstellen für Mütter, Familien und Jugendliche im Kanton ist die Zahl der Fälle in den vergangenen Jahren um etwa 30 Prozent angestiegen. Auch die Anrufe bei Nothilfestellen haben zugenommen. All das führt zur Feststellung, dass die Situation für viele Eltern schwieriger geworden ist. Die überwiegende Mehrheit der Eltern löst ihre Aufgabe aber gut.

Gleichzeitig besteht ein riesiges Angebot an Erziehungsratgebern und -kursen.

Da tut sich eine Schere auf: Einerseits nehmen die Problemfälle zu, andererseits besuchen viele Eltern Elternbildungskurse, lesen Fachbücher und eignen sich Erziehungswissen an. Beides sind Indizien, dass in unserer Gesellschaft eine Verunsicherung in Erziehungsfragen herrscht.

Wo sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung?

Ich führe das auf die starke Individualisierung zurück, die alle Lebensbereiche erfasst hat - das Kollektiv spielt nicht mehr dieselbe Rolle wie früher. Heute fehlt Eltern zuweilen die Klarheit gesellschaftlicher Regeln. Früher gab es zum Beispiel die Polizeistunde: In allen Lokalen wurden um 23 oder 24 Uhr die Stühle hochgestellt, und 90 Prozent der Jugendlichen gingen anschliessend nach Hause. Die Liberalisierung der letzten Jahrzehnte verlangt viel Verantwortung von den Individuen. Das ist gut und gleichzeitig anspruchsvoll.

Den Eltern wird aber auch vieles abgenommen, beispielsweise in Horten und Tagesschulen. Verlernen sie das Erziehen, weil sie es delegieren können?

Meiner Meinung nach ist unsere Gesellschaft nicht überaus grosszügig mit Betreuungsangeboten. Der Bedarf ist grösser als das Angebot. Und zwar nicht, weil die Eltern ihre Erziehungsaufgaben nicht wahrnehmen wollen, sondern weil heute meistens beide Elternteile für den Familienunterhalt sorgen müssen. Da ist es im besten Sinne des Kindes, wenn sie sich nach einer guten Betreuungsstruktur umschauen, für die sie ja auch bezahlen müssen.

Trotzdem: Erziehungsarbeit wird immer weniger innerhalb traditioneller Familienstrukturen geleistet. Welche Folgen hat das für die Volksschule?

Das sehe ich nicht so. Die Erziehungsarbeit wird auch heute zum allergrössten Teil in der Familie geleistet. Und wenn ein Kind bereits in einer Krippe oder einem Hort war, dann unterstützt das den schulischen Integrationsprozess. Bloss wenn Eltern weder das eine noch das andere tun, fällt für die Schule mehr Erziehungs- und Betreuungsarbeit an.

Sie sehen also keinen Zusammenhang zwischen Erziehungsdefiziten und der immer wieder thematisierten Überlastung der Lehrkräfte?

Ein oder gar zwei verhaltensauffällige Kinder können eine ganze Klasse unruhig machen, selbst wenn alle übrigen Schüler keine Probleme verursachen. Es sind vor allem solche Fälle, die bei den Lehrpersonen zu einem Gefühl der Belastung führen.

Schuld daran trägt wohl nicht zuletzt das integrative Schulmodell mit der Aufhebung vieler Sonderklassen.

Die integrative Förderung ist zweifellos der anspruchsvollste Teil der Volksschulreform. Langjährige Erfahrungen und Studien zeigen jedoch, dass es für Kinder besser ist, nicht separiert zu werden. Oft gehen Störungen ja wieder vorbei. Im Kanton Zürich wird in rund 400 Schulen zum Teil seit über zehn Jahren integrativ gefördert. Keine dieser Schulen würde sagen, ihre Arbeit habe sich auf das Hüten der Kinder reduziert, wie gewisse Kritiker behaupten. Für mich ist es auch eine Frage der Einstellung: Wer nicht an die Kraft der Integration glaubt, der hat es schwerer, so zu unterrichten. Integration ist auch nicht für jedes Kind das Richtige. Es ist darum nicht verboten, weiterhin Kleinklassen zu führen.

Kritisiert wird ja nicht nur das Modell, sondern auch die Art der Einführung. Diese sei überstürzt und ohne genügend Ressourcen vollzogen worden.

Wie gesagt, Integration ist vielerorts seit Jahren Praxis. 2005 wurde das Volksschulgesetz mit dem Auftrag zur integrativen Förderung in Kraft gesetzt. Seither wird es Schritt für Schritt umgesetzt. Das geht den einen zu langsam und den anderen zu schnell. Damit müssen wir leben.

Steht denn genügend Personal zur Verfügung? Verhaltensauffällige Kinder sollten innerhalb der Klasse ja eine Sonderbetreuung erhalten. Da sei vielfach mit dem Minimum kalkuliert worden.

Allein in den letzten zwei Jahren wurden zur Entlastung im Schulumfeld bei gleich bleibender Schülerzahl 620 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen - auch für die integrative Förderung. Vielen Schulen ist das zu wenig. Anderseits beklagen sich viele Gemeinden, weil sie für zwei Drittel der Kosten aufkommen müssen. Auch damit müssen wir leben.

 
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