Eishockey
Online seit 20.01.2012 0:00
Stiller Schaffer im Hintergrund
Der Sportchef der Kloten Flyers, Jürg Schawalder, hat das Team für die nächste Saison bereits zusammengestellt. Deshalb zurücklehnen wird er sich aber nicht. Bild: sim/jb
Eishockey. Jürg Schawalder ist der Sportchef der Kloten Flyers und der Strippenzieher im Hintergrund. Der Unterländer fliegt gerne hoch, bleibt aber trotzdem bodenständig.
Florian Bolli

Das Haus mit gelblich-bräunlicher Fassade steht in Kloten an einer Hauptstrasse unweit der Autobahnausfahrt. In Sichtweite des Balsberges, einst das Nervenzentrum der stolzen Swissair, ist die Geschäftsstelle der Kloten Flyers untergebracht. Die sportlichen Fäden werden im Untergeschoss gezogen, im Büro von Jürg Schawalder. Er ist in Kloten aufgewachsen, stürmte als Junior für den EHC und träumte von einer Karriere als Pilot. Sein Vater war Flugingenieur und der junge Jürg Schawalder war von den Piloten beeindruckt. Nicht wegen der Uniformen oder des hohen Ansehens. «Die sitzen mit gespreizten Beinen im Cockpit und müssen nichts tun», schrieb er in einem Schulaufsatz. Er imitiert die Pose lachend, als er davon erzählt.

Wenig zu tun, das ist nicht das, was Schawalder sucht. Sonst wäre er nicht neben seiner beruflichen Laufbahn im Eishockey aktiv geblieben und hätte nicht unter anderem zwei Jahre in der NLB für Wetzikon gestürmt. Ein Blick auf seinen Lebenslauf mit zwei verschiedenen Studienrichtungen, einer KV-Lehre und zwei eigenen Firmen deutet an, was Schawalder so formuliert: «Wenn ich von vielen verschiedenen Dingen eine Ahnung habe, dann habe ich ein gutes Leben und kann die Dinge aus einer anderen Perspektive beurteilen.»

Weil ihn der menschliche Körper interessierte, begann er ein Medizinstudium. Er brach es ab, war von der Schulmedizin enttäuscht, weil «schon damals nur Spezialisten ausgebildet wurden». Er wechselte zu Germanistik, weil er die Literatur und das Theater liebte. Sein Geld verdiente er damals in der Sportartikelfirma von Jürg Ochsner unter anderem produzierte er den mehrere hundert Seiten schweren Katalog. Und weil er merkte, dass ihm kaufmännische Grundlagen fehlten, wurde er als 26-Jähriger noch zum Lehrling und holte das KV nach.

«Ob ich eher ein Praktiker als ein Theoretiker bin? Vielleicht ja», sagt Schawalder. «Für mich war früh klar: Ich will mich nicht irgendwo verbeissen und am Ende habe ich keine Ahnung davon, wie es in der Welt läuft, und kann kaum ein Brot kaufen gehen.»

Vorgezeichnet war in seinem Leben nichts auch der Weg ins Profi-Eishockey nicht. Als Spieler schaffte er ihn nicht, weil er «körperlich zu wenig stark» war. Nach seinem bis 1990 dauernden Engagement als Trainer in Winterthur, das er von der 2. in die 1. Liga führte, lebte er über zehn Jahre «wunderbar ohne Eishockey». Er baute sein Geschäft auf, einen Direktversand und eine auf Sporttextilien spezialisierte Firma. Mit dem Sport blieb er verbunden, besuchte Kurse an der Sporthochschule in Köln. Aktiv wurde er wieder, weil er angefragt wurde: Beim EHC Illnau-Effretikon, wo er einige Juniorenjahre verbracht hatte, half er im Nachwuchs mit, als sein Sohn dort spielte. Und vor drei Jahren rief ihn der damalige Flyers-CEO Roger Kuhn wegen eines Nachwuchsprojekts an Schawalder sagte zu. Später wurde er Assistent von Sportchef Alpo Suhonen, ehe er den Finnen schliesslich vor etwas mehr als einem Jahr beerbte.

Das spartanisch eingerichtete Büro im Untergeschoss des Geschäftshauses ist seither sein Reich, hier bastelt er am Team der Kloten Flyers. Hier führt er die wichtigen Gespräche lieber als in einem Café, «weil ich hier die Tür schliessen kann und weiss, dass alles in diesen vier Wänden bleibt». An diesen Wänden hängen zwei grosse Flyers-Plakate, vor allem aber viele Listen, Tabellen, Dokumente. Auf einem Gestell liegen Medaillen verschiedener Teams dekorativ platzieren will Schawalder sie nicht. «Ich mag Leute nicht, die einem ihre Erfolge unter die Nase reiben und sagen: ?Seht her, das habe ich gemacht.?»

Es passt dazu, dass sich Schawalder nicht als Fan bezeichnet. «Vieles, was ich tue, mache ich für diesen Sport. Doch ich wäre ein schlechter Sportchef, wenn ich mich als Fan von Emotionen leiten liesse.» Er beschreibt sich als ausgeglichenen Menschen. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht vom Profisport abhängig ist. Seine Firma besitzt er weiterhin, sie wird derzeit von seiner Frau geführt.

Menschlich und rücksichtsvoll

Das Bild des stillen Schaffers im Hintergrund trifft auf Schawalder zu. Medientermine sieht er zwar als Teil seines Jobs, die Medienpräsenz sucht er aber nicht. Und obschon er sich an die zwei Stunden Zeit nimmt für den Interview-Termin und dabei sein mehrfach klingelndes Handy schlicht ignoriert, lässt er sich bei seiner Arbeit nicht von der Frage leiten, wie ein Entscheid in der Öffentlichkeit ankommen könnte. Für die Zweifel an der Verpflichtung von Michael Nylander als fünftem Ausländer beispielsweise hat er Verständnis. «Vielleicht haben die Kritiker recht. Aber wir haben das Gefühl, Nylander bringe uns auf die Playoffs hin weiter. Und er belastet das Budget nicht zusätzlich», sagt er.

Das Wort «Mensch» benutzt Schawalder oft, wenn er von seinen Spielern spricht. «Wenn ein Spieler als Mensch ernst genommen und ehrlich behandelt wird, dann ist er eher bereit, sich für den Club aufzuopfern und sich einzusetzen», erklärt er. Flyers-Captain Victor Stances-cu beschreibt Schawalder als «ruhigen, menschlichen und rücksichtsvollen Typen, der probiert, offen und fair zu sein. Er ist sehr viel ums Team herum und weiss Dinge, die einem anderen Sportchef nie auffallen würden.»

Mit einem ehrlichen Umgang will Schawalder für ein gutes Klima sorgen, auch wenn er sich bewusst ist, dass er nicht von jedem dasselbe erwarten kann. «Spieler, die mit 20 schon mehr verdienen als ihre Kollegen in einer Lehre, die können nicht so denken wie ich. Sie leben in einer anderen Welt. Wenn sie dazu noch einen Agenten haben, müssen sie im Idealfall ein Leben lang nicht ein einziges Problem selber lösen.»

Selber hat er die grössten «Probleme» gelöst, die wichtigsten Verträge sind verlängert, das Team für die nächste Saison steht. Sportlich sind die Flyers auf Kurs. Auch, weil Pilot Schawalder eben nicht mit gespreizten Beinen im Cockpit sitzt und nichts tun muss.