«Ich bin in diesem Winter zwar erst acht Tage Ski gefahren», verrät Mirjam Jäger, «dabei hatte ich aber zum ersten Mal seit Langem keine Rückenschmerzen mehr, und das ist im Moment das Wichtigste.» So sehr freut sich die 29-Jährige über ihre wiedergewonnene Gesundheit, dass sie sich vom starken Schneefall, der an diesem Tag in ihrem Winterdomizil Aspen im US-Bundesstaat Colorado das Training verunmöglicht, die gute Laune nicht verderben lässt. «Die Schmerzen in den Griff zu bekommen, stand nach der letzten Saison im Vordergrund, denn so wie zuletzt wollte ich nicht mehr weitermachen.»
Zumal der vergangene Winter beileibe nicht der einzige war, in dem die Weltklasse-Freestylerin mit Verletzungen zu kämpfen hatte. Im Januar 2008 hatte ein Kreuzbandriss im linken Knie zum vorzeitigen Saisonende geführt, im Winter 2008/2009 machte ihr ein Knorpelriss im zuvor intakten rechten Knie zu schaffen. Vor einem Jahr schliesslich diagnostizierten ihr die Ärzte eine Fraktur am Rücken, Schäden an einer Bandscheibe sowie eine Gelenküberdehnung.
Gedanken an Rücktritt
Aufgeben wollte Jäger deswegen aber nicht. Vielmehr verzichtete sie weitgehend aufs Training und konzentrierte sich auf die Wettkämpfe, die sie mit Cortison-Spritzen absolvierte. Der Erfolg blieb für ihre Verhältnisse mässig und bei einem Wettkampf in Utah stürzte sie so schwer, dass sie mit dem Helikopter abtransportiert werden musste. Ihr Brustkasten und mehrere Rippen wurden dabei gequetscht, und an Skifahren war für mehrere Wochen nicht mehr zu denken. «Da hat es Momente gegeben, in denen ich mich gefragt habe, warum ich mir das alles eigentlich antue», verrät Jäger.
Noch beim ersten Wettkampf nach der Zwangspause, den European X-Games in Laax, habe sie am Start geweint und zu ihrem Coach gesagt, nun könne sie nicht mehr fahren. «Die Angst hat mich förmlich aufgefressen.»Erst nach dem Ende der Saison ging es allmählich wieder bergauf: Beim freien Skifahren im Mai in Kanada fand Mirjam Jäger ihren Spass im Schnee wieder. Und als sich zwei Tage vor dem Abflug zu den Summer-X-Games in Neuseeland die Rückenschmerzen zurückmeldeten, hörte sie auf ihren Körper. Jäger liess die Wettkämpfe sausen, begab sich in physiotherapeutische Behandlung und fand so eine Methode, die ihr nun hilft, ihren Sport endlich wieder schmerzfrei auszuüben.
Das Training kam im Dezember dennoch zu kurz. Nach der Trennung von ihrem Freund, dem US-Profi-Skateboarder Adam Taylor, verzögerte sich die Abschlussarbeit ihres Bachelorstudiums in Wirtschaftsund Finanzwissenschaften. Zum ersten Wettkampf der Saison trat sie darum gar nicht an, sodass sie erstmals keine Einladung zu den Winter-X-Games, dem traditionellen Saisonhöhepunkt der Freestyle-Snowboarder und Skifahrer, erhielt.
Überhaupt stehen nur vier Wettkämpfe in Jägers Winter-Agenda 2011/2012. Dies ist zum einen eine Lehre aus der vergangenen Saison. «Ich möchte jetzt einfach nichts erzwingen», erklärt die 29-Jährige, «nach dem Studienabschluss ist die Top-Priorität, das Vertrauen wiederzufinden: in mich selbst und darauf, dass mein Körper mitmacht.»
Der olympische Traum
Zum anderen denkt Mirjam Jäger weit über die Dew Tour am kommenden Wochenende, ja über diesen Winter hinaus. Das grosse Ziel lautet Sotschi. Bei den Olympischen Winterspielen 2014 im russischen Skiort steht Halfpipe-Skifahren zum ersten Mal auf dem Programm. Den Traum jedes Sportlers, an Olympia dabei zu sein, möchte die Bachenbülacherin dann wahr machen. «Das wäre ein super Abschluss».
Und da in einem Jahr bereits die Qualifikation ansteht, geht es für sie nun darum, wieder regelmässig zu trainieren, systematisch an bisherigen und neuen Tricks zu feilen. Denn das Leistungsniveau in ihrer noch jungen Disziplin steigt von Jahr zu Jahr. Einen weiteren Winter nur mit Wettkämpfen, aber ohne Training, kann und will sich Jäger daher nicht leisten.
